News / IDM 2.4mR im MYC

Schaffenshöhepunkt: Christian Löhr (M., mit Christine Offtermatt beim Ansegeln 2019) freut sich auf September. Foto: svj

Besondere Chance für das gesamte Revier.

Starnberger Merkur vom 03. Februar 2021 – Christian Heinrich

Starnberg – Noch schreckt Christian Löhr davor zurück, bei seinem Schaffenshöhepunkt selbst an den Start zu gehen. „Das mache ich sicher nicht“, kündigt der Inklusionsbeauftragte des Münchner Yacht-Clubs an. Aber vielleicht überlegt es sich der Starnberger Skipper noch einmal anders, denn bis zur Internationalen Deutschen Meisterschaft der 2.4mR sind noch ein paar Monate hin. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte soll die Einhandklasse vom 16. bis 19. September am Starnberger See gastieren.

Der Münchner Yacht-Club sicherte sich den Zuschlag für die Inklusionsregatta, was besonders für Löhr eine Auszeichnung bedeutet. „Das ist der bisherige Höhepunkt meiner Arbeit“, sagt der Rollstuhlfahrer. Er freut sich darauf, dass zum ersten Mal Menschen mit und ohne Handicap gemeinsam in einer offiziellen Regatta in seinem Club segeln. Bisher erlangte er mit der Aktion „Segeln für alle“ überregionale Aufmerksamkeit. Löhrs Vision, dass alle Menschen das Recht haben zu segeln, brachte nicht nur viele Menschen mit Behinderung in die Boote, es löste auch ein beispielloses soziales Engagement im gesamten Verein aus.

Seit Januar bereitet sich der MYC auf die besondere IDM vor, die hohen sportlichen Anforderungen genügt. „Da bin ich seglerisch kilometerweit weg“, sagt Löhr, der so seine Zurückhaltung bezüglich einer eigenen Teilnahme erklärt. Noch verfüge er über zu wenig Erfahrung im 2.4mR. Das Einhandschiff liegt wie ein aufgetauchtes U-Boot nur knapp über dem Wasser und ist nahezu unsinkbar. Andere Segler haben in dieser Klasse schon mehr erlebt. Zu ihnen zählt Ulli Libor. Die aktuelle Nummer eins der Rangliste gewann 1968 Silber und vier Jahre später Bronze bei Olympia im Flying Dutchman. Da der 2.4mR eine Inklusionsklasse ist, duelliert sich Libor völlig selbstverständlich etwa mit Heiko Kröger, dem von Geburt an der linke Unterarm fehlt.

„Wir erwarten 40 Boote mit großer Qualität“, sagt Uli Finckh, der gespannt ist, wer im Herbst an der Possenhofener Straße aufschlägt. Der international erfahrene Wettkampfleiter aus dem MYC fungierte als Bindeglied zwischen seinem Klub und der Klassenvereinigung. Auf zahlreichen Regatten im In- und Ausland erlebte Finckh Segler mit Handicaps, die ihm höchsten Respekt abnötigten. Der Regelpapst erzählt von Menschen ohne Arme und Beine oder die vom Kopf ab querschnittsgelähmt sind. Nur mit dem Mund steuern sie ihr Boot. „Sie segeln so gern, weil sie dabei frei sind“, sagt Finckh voller Bewunderung.

Dieser Drang nach Freiheit beseelt auch Damien Seguin so sehr, dass er kürzlich die „Vendée Globe“ rund um die Welt segelte, obwohl ihm seit seiner Geburt die linke Hand fehlt. „Das ist eine Wahnsinnsherausforderung“, lobt Finckh den Franzosen, „denn er ist vollkommen auf sich alleine gestellt.“ Auch das deutsche Aushängeschild beim Rennen über die Weltmeere, Boris Herrmann, preist Konkurrent Seguin als absoluten Ausnahmesegler. Letztlich belegte der 41-Jährige Rang sieben – nur knapp hinter dem fünftplatzierten Deutschen. „Damien steht über uns allen“, sagt Herrmann.

Möglicherweise kreuzt Seguin auch bei der IDM in Starnberg auf, schließlich zählt sie zum „Eurosaf 2.4mR Sailing Circuit“, der erfahrungsgemäß Skipper aus dem benachbarten Ausland anzieht. Der MYC rechnet mit ungefähr zehn Teilnehmern mit Handicap. „Es gibt verschiedene Behinderungsformen“, so Finck, daher müsse etwa gewährleistet sein, dass die Segler von der Seite in ihr Boot einsteigen können. Das ist im neuen Bootshaus des Münchner Yacht-Clubs möglich. Die Rollstuhlfahrer benötigen darüber hinaus einen zusätzlichen Steg, um in ihr Boot zu kommen. Hier signalisierte das Technische Hilfswerk schon, eine entsprechende Vorrichtung zu schaffen. Ansonsten sind die Starnberger für eine Inklusionsregatta mit der nötigen Infrastruktur ausgestattet. „Wir müssen nur noch ein bisschen nachbessern“, sagt Finckh.

Er selbst weiß, was ihn als Wettfahrtleiter erwartet. Unter den Seglern befinden sich immer auch stumme oder taube Teilnehmer. „Das macht Protestverhandlungen schwierig“, räumt er ein. Mittlerweile ist das für ihn genauso alltäglich wie die hitzigen Kontroversen mit Seglern aus anderen Klassen. „Inklusion ist eine Geschichte, die jedem Sportverein guttut“, stellt Finckh klar. Im September gehe es um mehr als eine bloße Regatta: „Ich hoffe, dass die Inklusion dadurch mehr in das Blickfeld rückt.“ Das wäre ein großer Erfolg für das gesamte Segelrevier. Vielleicht findet sich auch deshalb doch noch ein Weg, wie Christian Löhr beim Heimspiel zum ersten Mal ein Boot bei einer offiziellen Wettfahrt steuern darf.

OK

Diese Website verwendet Cookies. Durch die Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden, dass Cookies gesetzt werden. Mehr erfahren